„Ich hatte ein für meine Generation ganz gewöhnliches Leben.“

Der 94-jährige Zeitzeuge Zwi Nigal berichtet aus seinem Leben

Es ist mucksmäuschenstill, als Zwi Nigal am 31. Januar aus seinem Leben erzählt Seit mehreren Jahren organisiert Frau Dr. Laila Scharfenberg mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung Südbaden die Reise und die Zeitzeugengespräche mit Schulklassen von Herrn Nigal. Kennengelernt haben sich die beiden in Israel, wo Frau Scharfenberg als Reiseleiterin tätig war und Herr Nigal seit nunmehr fast 80 Jahren zu Hause ist.

Zwi Nigal wurde am 13. April 1923 als Hermann Heinz Engel in Wien geboren. Hier besuchte er die Volksschule und anschließend das Gymnasium. Im Juni 1938 wurde er von der Schule verwiesen. „Meine Jugend in Wien war sehr schön, bis Hitler kam“ erzählt der 94-Jährige. An dem humanistischen Gymnasium, das Herr Nigal in Wien besuchte, fühlte er sich wohl: „Die Stimmung an der Schule und die Lehrer waren immer korrekt. Ich genoss ein gutes Ansehen, weil ich in der Handballmannschaft war, aber ich hatte nie einen nicht-jüdischen Freund.“ Nach dem Einmarsch von Hitlers Armee im März 1938 ändert sich die Stimmung in Wien drastisch. Zwi Nigal: „Ich kam abends nach Hause und hörte die Abschiedsrede des damaligen Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg im Radio. Er beendete diese mit den Worten: „Gott schütze Österreich“, anschließend ertönte die österreichische Nationalhymne – das war ein Moment, den man nicht vergisst. Am nächsten Morgen war der Himmel über Wien voller Flugzeuge mit Hakenkreuzen.“ Nigal schildert, wie er als damals 14-Jähriger mitbekommt, dass Juden verhaftet, zusammengeschlagen oder zu entwürdigenden Arbeiten wie dem Reinigen des Gehwegs mit Zahnbürsten gezwungen werden. Auch in der Schule manifestiert sich der Faschismus: Das Kruzifix an der Wand muss einem Hitler-Porträt weichen, einige Lehrer verschwinden über Nacht und es herrscht extreme Disziplin.

 

Er konnte nach Palästina fliehen, doch sein Vater und viele weitere Verwandten überlebten den Holocaust nicht. Der Vater wurde zunächst nach Theresienstadt deportiert und anschließend in Auschwitz ermordet. Seine Mutter gelangte nach einer Odyssee schließlich nach Israel, wo sie nach sieben Jahren ihren Sohn wiedertraf und bis zu ihrem Tod bei dessen Familie in Ramat-Hasharon bei Tel Aviv lebte. Herr Nigal freut sich auf die Begegnungen mit den jungen Menschen. Ihm sei gar nicht bewusst gewesen, dass sein Leben etwas Besonderes gewesen sein soll. „Es gab viele Leben wie meines.“ Er halte das für ein ganz gewöhnliches Leben eines Wiener Juden, der 1923 geboren ist.

 

Für die Schülerinnen und Schüler aus zwei zehnten Klassen des THG war es allerdings eine ganz besondere Begegnung.

G.S.