Deutsch

Deutschunterricht als komplexes Wirkungsfeld
Deutschunterricht als komplexes Wirkungsfeld
Lernbereiche des Faches Deutsch
Lernbereiche des Faches Deutsch

Deutschunterricht im Wandel

Nicht erst seit der Diskussion über die PISA-Studien steht der Deutschunterricht im Interesse einer breiten Öffentlichkeit. Deutsch kann als „Super-Fach“ gelten, in welches alle möglichen gesellschaftlich relevanten Inhalte und unterschiedlichste Ansprüche von Institutionen und Interessengruppen integrierbar scheinen. Kommunikations- und Medienkompetenz, Sozialkompetenz, Gewaltprävention, Suchtprävention, Aspekte einer multikulturellen Gesellschaft, alles findet über die Literatur- und Sprachbetrachtung Eingang in den Deutschunterricht, und man darf fragen, wie er das bewältigen kann. Und: ob man das dem Fach zumuten sollte.

Skepsis erscheint umso berechtigter, wenn man bedenkt, dass das Fach Deutsch wie kaum ein anderes vom Wandel der politischen und kulturideologischen Bedingungen geprägt worden ist. Das hängt damit zusammen, dass man in der Vermittlung von Sprachkompetenz, vor allem aber in der Literaturbetrachtung seit jeher ein Erziehungsmittel gesehen hat, das zu politisch oder sozial konformem Denken und Verhalten führen sollte. Schon an den Themen und Aufgabenstellungen des Deutschunterrichts lassen sich zeittypische Tendenzen aufzeigen.

So bekamen die Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 1922/23 beispielsweise das Thema gestellt: „Die Treue, eine deutsche Volkstugend. Nachgewiesen am Nibelungenliede“. Ein weiteres Beispiel: „Wie ringt sich der Prinz von Homburg zum Mann und Führer durch?“ Die Formulierungen verdeutlichen, wie geschlossene Aufgaben und suggestive Fragestellungen zur Implementierung affirmativen „Wissens“ eingesetzt wurden. Dieses Verfahren wurde später analog zur ideologischen Bestätigung der NS-Diktatur angewendet, wenn etwa ein Schüler in einer Reifeprüfung des Jahres 1935 die Frage beantworten sollte: „Wodurch beseitigt der Nationalsozialismus die Kluft zwischen Hand- und Kopfarbeiter?“. Die Einbeziehung sogenannter „Sachthemen“ in den Deutschunterricht kann zwar als Erweiterung des Aufgabenspektrums angesehen werden, in der Realität wurden diese jedoch oft im Sinne manipulatorischer Sprech- und Schreibabsichten missbraucht.

Es ist verständlich, wenn sich deshalb Germanistik und Deutschdidaktik nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst auf die klassische Hermeneutik besannen und die werkimmanente Interpretation favorisierten. Der Rückzug auf die Texte als literarische Kunstwerke, zu denen jetzt auch die der Moderne gezählt wurden, sollte vor Ideologisierung schützen und eine Besinnung auf die wahren Werte der deutschen Literatur herbeiführen.

In den 70er Jahren wirkte sich das Aufkommen der „Kritischen Theorie“ rasch in der Fachdidaktik aus. Ideologiekritik und emanzipatorische Zielsetzungen bestimmten vor allem den Literaturunterricht, in welchem sich antibürgerliche Tendenzen etwa dadurch bemerkbar machten, dass die Klassiker als „antiquiert“ angesehen wurden. In der Folge rezeptionsästhetischer Forschungen, die den Leser als schöpferisches Subjekt wahrnahmen, das an der literarischen Sinnkonstruktion einen bedeutenden Eigenanteil hat, wuchs schließlich der produktionsorientierte Literaturunterricht heran. Hier werden die Schüler zu einer aktiven und kreativen Auseinandersetzung mit der Literatur angeleitet, indem sie Perspektiven von Figuren übernehmen, Texte umschreiben oder szenisch umsetzen konnten.

Heute hat das Fach Deutsch am Theodor-Heuss-Gymnasium zahlreiche Facetten ausgebildet. Dabei ist es ein Anliegen der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer, dass sowohl der kreative Umgang mit Sprache und Literatur angeregt als auch die Fähigkeit zu Analyse und Argumentation gefördert wird. Neben dem regelmäßigen Unterricht wird dies auch in Arbeitsgemeinschaften und Projekttagen geleistet, in denen zum Beispiel praktische Rhetorik geübt oder in Verfahren des Lese- und Textverstehens eingeführt wird. Deutschlehrer tragen auch kontinuierlich zur Leseförderung bei, indem sie Lesewettbewerbe und Dichterlesungen organisieren. Wirksame Impulse zur literarischen Sozialisation geben am THG auch die Theaterarbeit und die Kleinkunstbühne „KULT“. Sie leisten neben der Heranführung an Bühnenwerke und ihre Inszenierung einen wesentlichen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler.

So wird in Orientierung am Bildungsplan und gestaltet durch das individuelle Engagement der Fachlehrerinnen- und Fachlehrer versucht, in den Jahrgangsstufen einen aufbauenden Lernprozess zu organisieren, der die Schülerinnen und Schüler bis zum Abitur nicht nur zu einer orthographisch und grammatisch korrekten Sprachpraxis befähigt, sondern ihnen auch den gestalterischen Umgang und die kritische Rezeption und Reflexion von Sprachentwicklung und literarischem Leben ermöglicht.

Die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer am THG befinden sich in einem ständigen Prozess konstruktiver und kritischer Entwicklung von fachdidaktischen und fachmethodischen Themen. Dabei stehen auch immer wieder gesellschaftlich relevante Fragen zur Diskussion: Sollte es wieder ein kanonisiertes Literaturcurriculum geben? Welche Auswirkungen hat die Rechtschreibreform? Sind Diktate eine geeignete Prüfungsform? Welche Konsequenzen hat die Einführung von Standards und Kompetenzorientierung? Wie kann differenziert gefördert und gleichzeitig ein gutes allgemeines Niveau gewährleistet werden?

Selbst wenn viele dieser Fragen nicht letztgültig geklärt werden können, vertrauen wir doch darauf, dass der aufgeklärte Mensch das zentrale Ziel unserer Bemühungen bleibt. Die deutsche Sprache und die deutsche Literatur sollten ihm so zu Gebote stehen, dass er sie zur Steigerung des gesellschaftlichen Nutzens und zur Erhaltung seiner eigenen Lebensfreude einsetzen kann.

 

Günter Karrasch